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Lebenszeichen

Jay Alexander

Ein kleines reines Herz und eine feine Nase. Jay Alexander kommt in Pforzheim, am 1. August 1971, als Alexander Pfitzenmeier zur Welt. Der Vater ist Polizeibeamter, leitet die Dienststelle in dem kleinen Dorf Bauschlott im Enzkreis. Die Mutter arbeitet halbtags in einem EDV-Büro bei einem Maschinenbauunternehmen in Pforzheim. Schwester Christina ist bereits sechs Jahre alt. Jay erinnert sich. Er ist fünf Jahre alt, als ihn seine Mutter das erste Mal in die Sonntagsschule der evangelisch-methodistischen Kirche im Ort schickt. Auch fünf oder sechs gleichaltrige Kinder sind dabei. Jay denkt vor allem an den Geruch des Linoleumbodens. Zu den meisten meiner wichtigen Erinnerungen gehört immer ein bestimmter Geruch. Umgekehrt wenn ich einen bestimmten Geruch wahrnehme, dann kommen sofort die dazugehörigen Erinnerungen auf. Es ist für ihn ein eigenartiges, ein neues Gefühl. Die Kinder sitzen am Tisch und der Sonntagsschulleiter gibt den Kleinen ein Gesangbuch in die Hand. Dann stimmt er a capella ein Lied an. Und ich habe so ein bisschen mitgesummt. Danach betet die Gruppe. Vater unser…- schon damals mit der gleichen "Aufsagmelodie", wie man sie bis zum heutigen Tage spricht. Ich habe mitgebetet und mir gar keine Gedanken darüber gemacht, was das bedeutet. Dann wird noch eine Geschichte aus der Bibel erzählt. Und wieder ein Lied gesungen. Wie eingesteckte Fähnchen in einer Landkarte begleiten Gerüche auch die weitere Erinnerung an seinen ersten Tag in der Kirche. Zum Beispiel der Zigarettenrauch des Lehrers und das Aroma der Eukalyptus-Bonbons, die dieser zwischen zwei „Kurmark“ lutscht. Seine Umwelt nimmt er immer auch mit der Nase wahr. Ich liebe den typischen Landgeruch nach frisch gemähtem Gras, nach Heu und Mais. Bei der Ernte, bei der Weinlese. Mein Vater hat einen Weinberg in der Nähe vom Kloster Maulbronn. Ich helfe immer bei der Lese von Trollinger und Lemberger mit, auch heute noch. Der kleine Junge Alexander besucht fast jeden Sonntag die Sonntagsschule. Aber jeden Abend betet die Mutter mit ihm vor dem Schlafen gehen. Müde bin ich geh zu Ruh, schließe meine Augen zu, Vater lass die Augen Dein, über meinem Bette sein, Amen. Oder Ich bin klein mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein, Amen. Das dürften wohl die gängigsten Kindergebete sein, die in Deutschland gelehrt werden. Abend für Abend habe ich dann auch alleine vor dem Einschlafen gebetet und mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, was die Gebete aussagen. Als Jay, noch Alexander, neun ist, tritt er der Jungschar bei. Er findet das sehr spannend, wegen der Zeltlager (auf denen er es aber vor Heimweh kaum aushält). Dann beginnt die Musik sich weiter in seinem Leben auszubreiten. Er wird Mitglied im Posaunenchor. Die erste Berührung mit einem Instrument. Er lernt Noten und auf der Trompete zu blasen. Doch bald stellt er fest, dass ihm die Blasmusik, dieser typische Posaunenchorklang nicht gefällt und ihm außerdem in den Ohren weh tut. Meine Schwester und ich besaßen zwei giftgrüne Gummiquietschtiere. Wenn die jemand quietschen ließ, weinte ich jedes Mal, weil mir das so in den Ohren wehtat. Also bläst er den Trompetenunterricht wieder ab und es bleibt bei Bibelgeschichten und Kirchenliedchen in der Sonntagsschule. Rückblickend wird mir immer mehr bewusst, dass ich nicht aus eigener Überzeugung - wie auch, im Alter zwischen fünf und neun Jahren?-, sondern meiner Mutter zu Liebe dort hin gegangen bin. Es gehörte in meiner Familie einfach dazu.
Das erste Credo.Alexander wird ein guter Schüler, nur in Mathematik hapert es, was sich auch im Laufe der Schuljahre nicht wesentlich ändert. Er hofft auf himmlischen Beistand, denn auf dem Notenschrank in der Kirche klebt ein Zettel: "Gott vermag all' Deine Probleme zu lösen". Er betet zum ersten Mal bewusst, will gezielt etwas vom lieben Gott. Regelmäßig betete ich vor meinen Mathearbeiten, aber es hat sich nicht auf meine Zensuren ausgewirkt! Irgendwie hat er mich wohl nicht richtig verstanden und ich ihn auch nicht. In der sechsten Klasse verliert er einen Schulkameraden, der an Krebs erkrankt ist, ein anderer kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Auch da haben die Gebete nichts genützt. Und so gab es einige Momente, wo ich Gottes Hilfe nicht erleben durfte. Irgendwann hat er dann aufgehört mit dem Beten und dem Glauben an Gott. Auch die Gespräche mit seinen Eltern bringen ihn nicht weiter, auch dann nicht, wenn sie ihm erklären, dass Gott eben nichtüberall sein und auch nicht immer helfen kann! Also erhält auch er keine Antworten auf die drängenden Fragen, die jeder einmal stellt: Warum lässt Gott Kriege zu, Krankheiten und andere schreckliche und schlimme Dinge?
Jahre später, 1992, wird Gott bei ihm präsent. Als lieb und gütig. Jay gewinnt bei einem Gesangswettbewerb in Leipzig ein Stipendium. Imre Fabian, damals Chefredakteur der angesehenen Zeitschrift "Opernwelt", spendet ihm nach seinem ersten Vortrag ein deftiges, aber hochkarätiges Lob: „Mein Lieber, Ihnen hat der Liebe Gott in den Hals geschissen! Seien Sie ihm dankbar dafür!“ Jay ist überglücklich und voller Freude, aber dennoch völlig durcheinander. Ich bin einfach nur schnell aufs Klo gerannt - wo sollte ich auch sonst mit mir alleine sein können? Dort habe ich seit langer, langer Zeit wieder meine Hände gefaltet und mich bei Gott bedankt!
Seine Haltung gegenüber Gott erfährt also eine Kehrtwendung. Davor aber, gerade in der Zeit des Erwachsenwerdens, plagen ihn Ängste, die Familie, den Boden unter den Füßen und die Orientierung zu verlieren. Die Pubertät und die ersten Jahre danach waren für mich oft nicht einfach.. Während dieser Zeit ist mein Vertrauen und meine Meinung zum Glauben Achterbahn mit mir gefahren. Abnabelung war für mich gleichbedeutend mit Abtrennen. Davor hatte ich Angst. Heute weiß er, dass es viele Ereignisse in seinem Leben gab, in denen er sich den Beistand Gottes gewünscht hätte. Doch genauso fallen Jay unzählige Ereignisse ein, für die er Gott dankbar ist. Für so vieles in meinem Leben: Die Ehe mit meiner Frau, die Geburt unseres Sohnes und unserer Tochter, meine Eltern, die ganze Familie. Sind seine Empfindungen der Beleg dafür, dass Gott auch hinter dem Guten steht? Könnte ein Theologe ihm diese Frage schlüssig beantworten? Er ist sicher, dass er sich diese Frage heute selbst beantworten kann: Vielleicht ist es ja von Gott so eingerichtet, dass ich mich über die Musik mit ihm unterhalten kann?!
Tatütata im Quartsprung, Zweitakter und Viertakter.Und alles ohne Noten. Bis zu seinem vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahr ist Musik für ihn eher nebensächlich, trotz Posaunenchor und Einsätzen in der Feuerwehrkapelle mit dem Waldhorn. Das Musizieren zuhause -Vater ist Autodidakt am Klavier, die Mutter singt im Kirchenchor, die Schwester übt für den Klavierunterricht, - hat für ihn in diesen Jahren den gleichen Stellenwert wie das tägliche Mensch-ärgere-Dich-nicht-spielen mit seiner Oma. Das gilt auch für die unzähligen, auf der Fahrt zur Verwandtschaft nach Bretten im Auto gesungenen Kanons: „Bruder Jakob“ und „Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König…“. Seine Berufswünsche wechseln immer mal wieder. Kfz-Mechaniker liegt lange Zeit auf Platz eins. Es ist die Begeisterung für alles, was mit Motoren, mit Lärm und Krach zu hat und nach Zweitaktgemisch duftet (!!!). Diese Lust findet zunächst Befriedigung in ersten Schwarzfahrversuchen mit dem Mofa. Das unter erschwerten Bedingungen, denn seine Mofaausflüge müssen streng geheim bleiben, weil der Vater ja Chef des örtlichen Polizeipostens ist. Berufsfeuerwehrmann wollte er auch werden, aber nie Pilot oder Lokführer und auch nicht Sänger. Das stand überhaupt nicht zur Auswahl. Ich bin dann mit 10 Jahren in die Jugendfeuerwehr eingetreten. Mich faszinierten besonders die Einsatzfahrzeuge mit ihren Kompressor-Martinshörnern. Das war so laut, dieser Quartsprung des Tatütata, das war wahnsinnig und tat meinen Ohren seltsamerweise nicht weh. Ansonsten erlebt er eine sehr ruhige und unbeschwerte Kindheit. In einer wunderbaren, glücklichen Familie, die mich behutsam umsorgt hat. Talente sind noch nicht erkennbar, eine Sportskanone ist er auch nicht, obwohl ihm das Fahrrad an den Hintern gewachsen ist. Außer, dass seine Nachbarin sagt: Mensch der Junge, der pfeift immer, und singt. Der ist immer gut drauf. Das lag seiner Meinung nach schlicht und einfach an der Freude am Leben in der ländlichen Idylle. Wenn ihn einmal etwas bedrückt, dann geht er ins Treppenhaus und singt los. Die Akustik ist dort so gut, dass seine Laune durch seinen eigenen Gesang sofort besser wird. Er genießt es in vollen Zügen, wenn er mit dem Rad den Dorfanger herunterfährt. Und mein Vater fuhr mit seinem schönen grünen Polizeikäfer hinter mir her - ich hab das gar nicht bemerkt - und hat dann durch den Lautsprecher gerufen: Hallo Alexander…Das hat mich erschreckt, aber natürlich fand ich 's toll. Er darf auch mal mitfahren im Polizeikäfer und dann genießt er, wie das Funkgerät rauscht und den ganz eigenen Geruch der Sitze. Aus voller Überzeugung geht er zur Freiwilligen Feuerwehr. Bleibt bis zum 28. Lebensjahr. Das erspart ihm auch den Wehrdienst, den er ohnehin nicht hätte leisten wollen. Menschenleben mit dieser Art von Dienst schützen und retten zu können ist ihm lieber.
Gabelschlüssel und Stimmgabel. Mit sechzehn Jahren denkt er zum ersten Mal an eine Berufsausbildung. Kein Abi, also kein Studium! Seine Eltern hätten das gerne gehabt: Deine Schwester studiert, mach doch das Abi nach! Ich will ein Handwerk lernen. Kfz-Mechaniker, das wäre nicht schlecht, aber da ist zuwenig zu verdienen. Ein Bekannter, der Drucker ist, macht ihm diesen Beruf schmackhaft. In Pforzheim bewirbt er sich. Der Ausbildungsleiter ist auch ein Motorrad- und Autofreak und merkt, dass der junge Alexander sehr gut mit einem 17-er Gabelschlüssel umgehen kann. Da war mir der Ausbildungsplatz sofort sicher. Er lernt alle Druckverfahren kennen. Ein schöner Beruf. Zuerst das weiße Blatt, dann die einzelnen Farben und schon hat man einen schönen Vierfarbdruck in der Hand. Dann kommt der Tag, an dem der Sechzehnjährige unter der Dusche steht und aus dem Radio des Autos, das offen im Hof steht, herrliche Töne hört. Fritz Wunderlich singt: Ich küsse ihre Hand Madame. Da habe ich den Hals aufgemacht und auf einmal kam ein Ton heraus. Das hat mich überrascht. Ich habe dann versucht, den Klang zu imitieren, ganz ernsthaft, nicht zu parodieren. Sein Vater hört das und lobt: Junge, das klingt super! Könntest Du Dir nicht vorstellen, Unterricht zu nehmen? Vater muss gar keine Überzeugungsarbeit leisten. Im Nachbarort nimmt Alexander dann in einer privaten Musikschule Gesangsunterricht. Das Singen breitet sich aus, kreisförmig in Wellen, wie wenn ein Stein ins Wasser fällt. Die kleinen Auftritte werden mehr und mehr. 1992, er, der Druckergeselle, nimmt an einem Gesangswettbewerb in Leipzig teil, singt aus Lortzing’s „Undine“ „Vater Mutter, Schwestern, Brüder“ und den Filmschlager „Ich küsse Ihre Hand Madame“. Sein Leben erfährt eine Kehrtwendung, angestoßen durch die Aussage des angesehnen Imre Fabian: Mensch Junge, mach etwas draus, das bist Du Deiner Stimme schuldig! Voller Stolz fährt er nach Hause. Er hört, dass er auch ohne Abitur Musik studieren kann. Die Freude über den Druckerberuf ist ihm ohnehin längst vergangen. Die damaligen Kollegen aus der Druckerei sagen: Du spinnst, Du verdienst hier gutes Geld und nun gibst Du das alles für eine brotlose Kunst auf! Da war schon großer Bammel dabei. Und was hätte er gemacht, wenn er die 1.000 DM nicht gewonnen hätte, die er ein Jahr lang jeden Monat zur Finanzierung eines Musikstudiums bekommen soll? Das war damals für ihn ein Haufen Geld. Von den Eltern hatte ich eine enorme emotionale Rückendeckung  bekommen. Sie haben gesagt, Junge mache es, sonst wirst Du in Deinem Leben nicht mehr froh. Er besteht die Begabtenprüfung und kündigt seine Gesellenstelle. Das ist seine Art. Wenn er etwas anfängt, zieht er es immer bis zum Ende durch. Ein Jahr lang bereitet er sich auf das Studium vor: Allgemeinwissen, Instrumentenkunde, Musikgeschichte. Dann, im Wintersemester nimmt er das Musikstudium in Karlsruhe auf. Das war wunderschön, weil ich in eine ganz andere Welt eingetreten bin. Raus aus Druckerschwärze und Maschinenlärm, in der man sich angeschrien hat, in eine ganz neue Welt, in das frisch renovierte Schloss Gottesaue, das zur Hochschule umfunktioniert wurde. Fein aufgeräumt alles und sehr geordnet. Es riecht nach einem ganz anderen Leben, in dem frisch gestrichenen Gebäude. Er singt noch mehrere Wettbewerbe, gewinnt erste und zweite Preise und denkt sich, dass er auch irgendwann von seinem Gesang, seiner Kunst leben kann. Das Studium macht ihm Freude, bringt Begegnungen mit neuen Menschen. Das schätzt er als Lebensqualität. Die meisten Kommilitonen wurden von zuhause finanziell unterstützt, mussten keine Nebenjobs machen. Er repariert Motorräder und Autos, mäht der Nachbarin den Rasen. Macht das alles morgens: Ich hatte allen schon ein Stück Tag voraus. Ich bin notorischer Frühaufsteher. Nichts ist für mich so wertvoll, wie die Morgenstunden. Sie haben auch einen besonderen Geruch.
Wechselwirkungen. Das Musikstudium bringt es mit sich, dass er in Kirchen singt. Oratorien sind Teil des Lehrplans. Das ordnet er heute als wichtig für sich ein, weil er erlebt, mittelbar erfährt, wenn etwa er bei Hochzeiten, Taufen oder auch Beerdigungen singt, wie dicht Freud und Leid beieinander liegen. Jedes Mal wenn die Musik erklingt, egal ob Bach, Mendelssohn oder Bruckner, spürt er eine ganz eigene nicht erklärbare Atmosphäre im Raum und wie sich dabei in ihm Gelassenheit ausbreitet. Entspannung, die ich in meinem persönlichen Alltag nie erfahren durfte.
Der Tenor, der Bariton, das Duo. Eine schöne lyrische Tenorstimme, die durch intelligentes Phrasieren und elegante Stimmführung beglückt. Wenn so etwas geschrieben wird, von Jürgen Kesting, dem Nestor unter den deutschen Musik- und Opernkritikern, dann hat das Folgen. Das Staatstheater Würzburg möchte das vielversprechende Talent unbedingt für die Spielzeit 1996/97 engagieren. Und sogar noch darüber hinaus an sich binden. Das Theater bietet ihm alle Mozartrollen seines Stimmfachs an. Ein sensationelles Angebot. Zeitgleich hat Alexander noch eine Studiosession für ein Soloalbum in Berlin. Sein Freund und Studienkollege aus Karlsruhe, Marc Marshall arbeitet mit, als Produzent. Es kommt ein Song, mit dem sich Alexander schwer tut. Marc stimmt mit ein. Und clever, wie Tontechniker nun einmal sind, schneiden sie immer alles mit, auch Außerplanmäßiges. Man weiß ja nie, wozu es gut ist. Plattenboss Thomas Stein hört die Aufnahmen ab, dabei auch den Mitschnitt von Jays und Marcs Zwiegesang. Das ist es! Genau das hat er schon immer gesucht. Ein Männerduo mit einem breiten stilistischen und klanglichen Spektrum. Dazu kommt ein Angebot des weltberühmten Filmkomponisten Harold Faltermeyer, der die unvergessene Musik zu „Top Gun“ geschrieben hat, ein ganzes Album mit den beiden zu produzieren. Eine Entscheidung muss gefällt werden. Zwei verlockende Herausforderungen für Alexander. Faltermeyers Projekt und Würzburg mit all den Mozartpartien. Ich habe lange überlegt. So ein Angebot wie aus Würzburg kommt eher noch einmal, als eine Anfrage von Harold Faltermeyer. Ich habe mich entschieden. Für Marshall&Alexander. Das war 1997. Von 1999-2002 singt Alexander auch noch am Staatstheater Karlsruhe, um das Erlernte nicht zu verlieren. Für ihn ein Spagat, nicht immer leicht zu beherrschen. Weniger stimmlich, sondern zeitlich und von der Planung her. Viel Stress, viel Druck, viel Geschwindigkeit und immer auf die letzte Sekunde, das kostet enorm viel Kraft. Noch 2005 gibt er ein Gastspiel an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, wo er den Belmonte in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ singt. Er will den Fuß solange es geht in diesem Terrain behalten und es kommen immer mal Anfragen. Aber Marshall&Alexander ist nun der künstlerische Lebensmittelpunkt. Das Opernleben fehlt ihm nicht. Er bereut es nicht. Die Arbeit für Marshall&Alexander erfüllt mich, den ganzen Menschen, die ganze Seele, das Denken. Die Entscheidung für das Duo war richtig. Ich stand beruflich an einer Weggabelung und habe den richtigen Weg gewählt. Man kann nur auf einer Hochzeit tanzen, auch wenn ich früher schon mal auf vier gesungen habe…hintereinander an einem Tag.
Viel Job im Privaten - wenig Privates im Job? Bis zu seinem 22. Lebensjahr macht er sich einen genauen Lebensplan. Familie dann, dann Kinder und so weiter. Er hält ihn so lange ein bis er in diese andere Welt tritt, als er mit dem Studium beginnt. Und alles anders wird. Bis ich dann doch mehr und mehr merkte, es ist Blödsinn, das alles so exakt durchplanen und durchführen zu wollen. Ich habe begonnen, die Dinge mehrschichtig zu sehen. Gewisse Dinge sollte man sich einfach entwickeln lassen. In Pforzheim trifft er nach längerer Sendepause Vanessa wieder. Sie hatten sich einfach aus den Augen verloren. Eines Abends nach einer kürzeren Tournee fiel ihm die Decke auf den Kopf. Ich musste einfach vor die Tür, mal durch mein altes Revier stromern. Und da trafen wir uns wieder. Vanessa mit dem schönen Nachnamen Bonjour. Und dann kommt eins zum anderen. Sie heiraten. Ihm imponiert sehr, dass sie diesen schönen Nachnamen, der wie ein Künstlername klingt, Vanessa Patricia Bonjour, aufgibt. Er hätte ja ihren annehmen können, Alexander Bonjour klingt toll. Erstens hatte ich schon einen Künstlernamen und zweitens bin ich ein altmodischer Traditionalist und wollte das nicht. Wir haben uns problemlos auf meinen amtlich-offiziellen Nachnamen Pfitzenmeier geeinigt. Von der Ästhetik des Wortklanges her betrachtet ein schlechter Deal. Im  Januar 2006 kommt Sohn Elias zur Welt. Er hat nun Familie. Und wie viel Zeit hat er für sie? Relativ? Absolut? Manchmal ist er eine ganze Woche am Stück zuhause und kann vier oder fünf Stunden oder einen ganzen Tag lang mit seinem Sohn verbringen. Dann reicht es wieder für eine Woche entspannter Ferien in der Schweiz. Er rechnet vor, dass dies mehr Zeit ist, als sein Schwager mit seinen Kindern verbringen kann. Der ist promovierter Luft- und Raumfahrtingenieur mit einem einigermaßen geregelten Arbeitstag, der allerdings meistens zwölf und mehr Stunden dauert. Kommt der heim, schlafen die Kinder schon wieder. Jay muss sich aber zuhause auch mal zurückziehen können, eine Auszeit nehmen. Vanessa hat volles Verständnis für seinen Beruf und seinen Zeitplan. Was Tourneeleben bedeutet, erfährt Vanessa, als Jay mit Marc in 70 Städten unterwegs ist. Und bei der 100-Städte-Tournee weiß sie schon, was auf sie zukommen wird. Sie haben sich mit diesem Arbeitsleben arrangiert: Ich denke, das wird auch so bleiben. Seine Frau ist sehr musikalisch und sie kann tanzen. Sie kann Stimmen imitieren, singt auch, wie Jay sagt, wunderschön. Musikalische Früherziehung ist für beide noch kein Thema, und so wird der Junior auch nicht in irgendeine Musikrichtung getrimmt werden. Und die 2009 geborene Tochter Johanna Lydia auch nicht. Vanessa und die tanzen nach Musik aus dem Radio und für Jay es ist wunderbar zu erleben, welche Freude die Kleinen daran hat. Musik soll für beide aber erst mal nur ein Kindheitsspaß sein. Die Familie geht vor. Das ist das Wertvollste, ein derartiger Schatz. Das kann man mit keinem Applaus, keinem Konzert, mit keinem Geld der Welt aufwiegen. Die Musik wird er nie aufgeben. Sie würde nicht aus seinem Leben verschwinden, dazu ist sie zu wichtig. Auch nicht, wenn er Staubsauger verkaufen müsste, um seine Familie zu ernähren. Vielleicht würde ich dann wieder im Treppenhaus singen, damit ich mich gut fühle.
Jay legt Wert auf Sicherheit. Richtig mit Netz, ohne doppelten Boden. Auch wenn das fehlende Netz bei anderen ein Kribbeln verursacht. Das gilt ja auch für Sänger. Es gibt Kollegen, die haben im stillen Kämmerlein, eine große tragende Stimme und wenn sie dann vor großem Publikum auftreten, singen sie zurückhaltend und vorsichtig. Dadurch wird man gehemmt. In dieser Beziehung legt Jay jegliches Sicherheitsdenken ab. Wenn ich singe, dann singe ich. Ich haue es raus, wie es kommt! Über das Alltagsleben macht er sich Gedanken, auch über so prosaische und amusische Dinge wie Altersvorsorge. Aber nicht erst, seit er erfolgreich ist. Er kennt traurige Beispiele, von Sängern, die satt Kohle verdient haben und heute völlig veramt sind. Aus verschiedenen Gründen, vielleicht sind sie krank geworden oder hatten zuvor einen Lebensstil, der alles Geld verbraucht hat. Das ist tragisch. Natürlich ist es toll, wenn man sich die schönen und wertvollen Dinge leisten kann, aber ich werde nicht leichtfertig werden. So ist er auch ganz akribisch mit seinen Steuererklärungen. Er kennt zahlreiche Kollegen und Kolleginnen, die brutto für netto halten und dann gibt es das böse Erwachen, wenn der Fiskus zuschlägt.
Entspannung. Jay besteht darauf, dass Marc und er auch lernen müssen, mit den Kräften, mit den Stimmen zu haushalten, relaxen. Um zu entspannen, muss Jay sich handwerklich beschäftigen. Er ist ein großer Uhrenfan, schaut gerne in ihr Innenleben. Ein für ihn typisches Erlebnis: Er hat in seiner alten Heckflosse (das ist der Name für einen Mercedes-Benz 190, Baujahr 1962) eine Uhr im Armaturenbrett, die 1981 stehen geblieben ist. Und wenn ich entdecke, dass etwas nicht mehr geht, dann will ich es unbedingt zum Laufen bringen, das ist typisch für mich. Er entschließt sich spontan, sie auszubauen, die Drähte abzuklemmen und das verplombte Gehäuse zu öffnen. Das völlig verschmutze Werk reinigt er behutsam mit Druckluft. Dann schließt er die 45 Jahre alte Autouhr an und sie geht wieder. Das war ein Glücksmoment für mich, schön wie ein Lottogewinn. Oder das: Bei einer TV-Show in der Eifel kommt er vor Probenbeginn an einem alten Fahrradladen vorbei. Räumungsverkauf. Vor dem Laden stehen einige kleine Schubladen mit unzähligen Schräubchen und Kleinteilen drin. Er bestaunt die Kleinteile und hat eine Idee: Da muss ja noch ein ganzer Schrank da sein, zu dem die Schubladen gehören. Das alte Ding steht im Keller. Sechzig Schubladen gehören dazu. Scheußlich angestrichen ist der Schrank, aber sonst ist er völlig intakt. Er kauft das Möbel, packt es in seinen Leihwagen, der an diesem Tag zufällig ein Kombi ist. Und ab nach Hause. Ich habe mich auf der ganzen Heimfahrt darauf gefreut, das Schränkchen zu bearbeiten. Und bin am nächsten Tag gleich los, habe Abbeizer gekauft, neue Knöfpchen gedrechselt, und dann das Holz mit Bienenwachs eingelassen. Bei derartigen Übungen kann er abschalten und empfindet Freude und Glück dabei. Auch wenn er Vater den Rasen mäht und das Zweitaktgemisch riecht. Es gibt so viele Dinge in die ich eintauchen kann. Da kann ich die vorziehen, die ich will, wie die Schubladen aus dem Schrank.
Die Zeit nach M&A. Jay weiß, dass beide Verantwortung füreinander haben. Sonst gäbe es das Duo wahrscheinlich auch schon lange nicht mehr. Sie haben etwas gemeinsam geschaffen, daran halten sie fest. Es gibt einen Riesenfankreis. Wir haben einen irrsinnigen Spaß zusammen auf der Bühne und ich glaube nicht, dass man das so achtlos hinwirft. Wenn ich eines Morgens aufwache und feststelle, dass ich todunglücklich bin mit Marshall&Alexander, dann muss man reagieren, sonst frisst es einen auf. Wenn eines Tages mal niemand mehr Marshall&Alexander hören will, was dann ist, kann Jay nicht genau sagen. Er würde sich sicher um eine Solokarriere kümmern, nicht unbedingt im Opernfach. Aber wozu diese Gedankenspiele: Ich denke schon, dass es uns noch mindestens zehn Jahre geben wird, das ist ein großer Herzenswunsch. Er gibt zu bedenken: Jeder einzelne entwickelt sich auch in eigene Richtungen und vielleicht bietet das Duo eines Tages keine Herausforderung mehr. Aber bisher profitieren beide von den Einflüssen des jeweils anderen, von dem, was jeder mit einbringt. Musik ist etwas Zentrales in meinem Leben. Aber nicht das Wichtigste. Das Duo Marshall&Alexander ist für ihn nicht variierbar, nicht erweiterbar. Nicht mit Frauen, nicht mit Männern. Genau die Stimmen von ihm und Marc gehören zusammen, von ihnen geht eine enorme Kraft aus. Wir ergänzen uns in allen Stimmungen, das tut gut und ist etwas ganz Besonderes. Und ein zweites Duo mit Alexander wird es nicht geben. Nur Marshall&Alexander. Jay empfindet beide als eine geschlossene Einheit, weil sie sich gegenseitig fühlen. Da sind immer auch individuelle Tagesformen maßgeblich. Wir „singen“ auch für einander in die Bresche, es kann jeden von uns mal im Hals erwischen, dann gibt eben der andere stimmlich mehr Gas, und das ist OK so, denn die Einheit des Duos bleibt klanglich und musikalisch erhalten. Ist vom Opernsänger, vom Gesangsdarsteller Alexander noch etwas erhalten? Auf jeden Fall und unbedingt, denn Entertainer ist nichts für ihn. Das ist eher Marc. Bei unseren Auftritten ist mein Wortanteil der kleinere, wir machen unsere Jokes und wollen das Publikum nicht mit Pointen erschlagen. Da reicht es, wenn sich Marc voll einbringt. Jay hat kein Lampenfieber mehr und bei Marc kennt er das auch nicht. Weil sie sich aufeinander verlassen können und weil beide das tun, was sie gelernt haben. Zweieinhalb Stunden Marshall&Alexander ohne Pause sind anstrengender als eine komplette Oper mit Hauptrolle. Auf der Opernbühne gibt es nicht diesen direkten Kontakt mit dem Publikum. Dann kommt noch der Orchestergraben, der bildet eine Schutzatmosphäre, ist wie ein Kokon. Man kann sich in der Rolle verstecken, im Kostüm und hinter der Maske. Bei Marshall&Alexander hast Du manchmal nur einen halben Meter zwischen Dir und der ersten Reihe des Publikums. Du bist bloß, kannst auf der Bühne nichts verbergen. In beiden Fällen kehrst du zwar Dein Innerstes nach außen. Aber du bist viel angreifbarer. Das macht aber auch einen gewissen Reiz aus. Du bist mit dem Publikum per Du und das ist ein schönes Gefühl.
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